Psychodermatologie: Wege zu innerer Stärke
Wenn die Haut zur Belastung wird
Chronische Hauterkrankungen wie Psoriasis und Vitiligo greifen nicht nur in das körperliche Wohlbefinden ein: Sie belasten auch die Psyche. Dr. phil. Eva Loos, Psychologin an der Abteilung für Dermatologie am Universitätsspital Basel, über die Hintergründe und Therapiemöglichkeiten im Interview. (April 2026)
Welche psychischen Herausforderungen können bei Betroffenen von chronischen Hautkrankheiten wie Psoriasis oder Vitiligo auftreten?
Dr. phil. Eva Loos: Menschen mit chronischen Hauterkrankungen berichten häufig über eine erhöhte psychische Belastung. Körperliche Symptome wie Schmerzen oder Juckreiz können den Alltag und den Schlaf beeinträchtigen und zu Anspannung und Reizbarkeit führen. Auch soziale Aspekte spielen eine grosse Rolle: Scham, Unsicherheit und ein vermindertes Selbstwertgefühl sind häufig, ebenso die Angst vor Ablehnung oder negativen Reaktionen. Viele ziehen sich deshalb zurück. Zudem sind Krankheitsschübe oft unvorhersehbar, was ein Gefühl von Kontrollverlust und Unsicherheit auslösen kann. Langfristig kann dies auch psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen begünstigen.
Wie beeinflussen Stress oder psychische Belastung die chronische Hauterkrankung und umgekehrt?
Zwischen Haut und Psyche besteht eine enge Wechselwirkung – man spricht hier von der «Haut-Hirn-Achse». Anhaltender psychischer Stress – egal ob durch die Erkrankung selbst oder äussere Faktoren – kann Entzündungsprozesse verstärken und dadurch Krankheitsschübe auslösen oder verschlimmern. Umgekehrt kann die Hauterkrankung selbst Stress verursachen, etwa durch Sichtbarkeit oder Juckreiz. So entsteht oft ein Teufelskreis, in dem sich Hautzustand und psychische Belastung gegenseitig verstärken.
Welche Strategien oder Therapien empfehlen Sie Betroffenen, um besser mit der psychischen Belastung ihrer Hauterkrankung umzugehen?
Ideal ist ein psychodermatologischer Ansatz, also die Kombination aus dermatologischer und psychologischer Behandlung. Bei starker Belastung kann eine Psychotherapie sinnvoll sein. Hilfreich sind auch Stressbewältigungstechniken wie Achtsamkeitstraining, Entspannungsverfahren oder Atemübungen. Ebenso wichtig ist ein offener Umgang mit der Erkrankung sowie der Austausch mit anderen Betroffenen, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen.
Wie wirken sich Vorurteile oder Sichtbarkeit der Erkrankung auf das Selbstwertgefühl der Betroffenen aus?
Sichtbare Hauterkrankungen machen Betroffene anfällig für Stigmatisierung. Vorurteile – etwa, dass die Erkrankung ansteckend sei oder mit mangelnder Hygiene zusammenhänge – führen oft zu unangenehmen Reaktionen aus dem Umfeld. Das kann das Selbstbild stark beeinträchtigen und zu Selbstzweifeln führen. Viele Betroffene ziehen sich aus dem Sozialleben zurück oder versuchen, ihre Haut zu verbergen, etwa durch lange Kleidung oder das Meiden bestimmter Aktivitäten wie Schwimmen oder Sauna. Dieses Vermeidungsverhalten kann langfristig das Selbstwertgefühl weiter senken und einen Teufelskreis aus Rückzug und Verunsicherung verstärken.
Was können Betroffene tun, um ihre Resilienz zu stärken?
Wichtig ist, einen akzeptierenden und wertfreien Umgang mit sich selbst und der Erkrankung zu entwickeln. Statt die Haut als «Feind» zu sehen, kann es helfen, sie als Signalgeber zu verstehen, der auf Überbelastung oder unerfüllte Bedürfnisse hinweist. Diese Haltung ist nicht einfach, kann aber langfristig helfen, besser mit der Erkrankung zu leben und mehr innere Stabilität zu entwickeln.
Was können Angehörige tun, um die psychische Belastung beim betroffenen Familienmitglied zu verringern?
Angehörige sollten die Erkrankung ernst nehmen, ohne zu dramatisieren, und vor allem zuhören. Vorschnelle Ratschläge oder Verharmlosungen sind oft wenig hilfreich. Stattdessen ist es sinnvoll zu fragen, wie man unterstützen kann, und die Selbstständigkeit der Betroffenen zu respektieren. Auch kann es helfen, sich selbst über die Erkrankung zu informieren oder Arzttermine gemeinsam wahrzunehmen.
Kurzbiographie: Dr. phil. Eva Loos arbeitet als Psychologin an der Abteilung für Dermatologie am Universitätsspital Basel. Zu ihren psychodermatologischen Schwerpunkten gehören unter anderem Chronischer Juckreiz, entzündliche Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Psoriasis oder Hidradenitis suppurativa sowie Hautkrebs.